Damit nicht genug

Rote Flüh Südwand im Tannheimer Tal
Rote Flüh Südwand im Tannheimer Tal

1971 wurden mein Freund Elmar Bereuter und ich Zeugen des tödlich endenden Absturzes eines Kletterers in den  Tannheimer Bergen. Ich kannte ihn von meiner Berufstätigkeit in Sonthofen her. Wir trafen ihn und seinen Seilpartner zufällig bei einer Klettertour durch die Alte Südwand der Roten Flüh und unterhielten uns kurz.

 

Der Bekannte begann vom Felsband aus den teilweise überhängenden Schlussteil der Gipfelwand mit Doppelseil und Trittleitern zu durchklettern. Dabei wurde er vom auf dem Felsband sitzenden Seilpartner mit Schultersicherung gesichert.

 

Elmar und ich wandten uns links dem Ausstieg aus der Südwand zu. Hinter uns hörten wir ein kratzendes Geräusch von Metall auf Stein, das uns ruckartig die Köpfe umdrehen ließ. Wir sahen mit Entsetzen, wie der Vorauskletternde, der keinen Schutzhelm trug und gerade dabei war, sich mit  einem Karabiner und dem freien Seil zum nächsten Haken zu strecken, mit herausgezogener Sicherung samt Haken rücklings aus der Wand kippte. Er schlug aus vier, fünf Meter Höhe mit dem Kopf hart auf blankem Fels am Rande des Felsbands auf und stürzte, weitere Male aufschlagend, sich überschlagend und unseren Blicken entschwindend, in die Tiefe.
 

Seinem Seilpartner, der über keine Selbstsicherung verfügte, riss der starke Ruck das Sicherungsseil  aus den Händen über den Kopf und dabei seinen Bauarbeiterhelm vom Kopf. Die straff gespannten Seile zogen ihn nach vorne zur Kante des Felsbands. Ihm gelang es im letzten Moment, sich an kleinen Felsbuckeln mit den Schuhen entgegen zu stemmen, mit den Händen festzukrallen und dadurch den unmittelbar drohenden Absturz aufzuhalten. Auf seinem nach vorne gekrümmten Oberkörper lastete jedoch der starke Zug des Doppelseils. Er konnte sich aus dieser Zwangslage nicht mehr befreien und drohte mit in die Tiefe gerissen zu werden.

Elmar und ich bemühten uns, rasch unseren Schock in den Griff zu bekommen. Unsere Hilferufe wurden am Gimpelhaus unten, auf dessen Terrasse mit Musik und Gesang laut gefeiert wurde, nicht gehört und kein Mensch dort unten bekam von dem Unglück etwas mit. Außer uns war an dem heißen Samstagvormittag keine Seilschaft in unserem Wandteil unterwegs. Wir hatten auf unserer viel leichteren Kletterroute keine Rucksäcke, Felshaken, Hämmer und langen Reepschnüre dabei, um die beiden Seile, an denen der Abgestürzte hing, zu fixieren und damit seinen Kletterpartner freizubekommen. Der Seilpartner ebenfalls nicht. Der Abgestürzte hatte die ganze "Schlosserei" in seinem Brustgeschirr eingehängt. Wir fragten den Seilpartner, ob er sich noch halten könne. Er bejahte dies mit dem Hinweis, dass er nicht wisse, wie lange er dazu noch die Kraft habe.

 

Eine schnellstmögliche Bergung und medizinische Versorgung des Abgestürzten und die Rettung des Seilpartners waren gleichzeitig erforderlich. Elmar stieg zum Gipfel auf, informierte dort oben einen Bergwanderer vom Unglück und bat diesen, so schnell wie möglich die Bergrettung auf dem Gimpelhaus zu verständigen und einen Rettungshubschrauber mit Seilwinde anfordern zu lassen. Während dessen machte ich unser bereits aufgeschossenes Seil für das Abseilen zum Abgestürzten bereit.

Von Elmar gesichert, seilte ich mich fast 40 Meter zum Abgestürzten ab. Mein Einfachseil reichte jedoch nicht aus, um an ihn heranzukommen, da dessen Sturz eine Überdehnung seiner beiden dünneren Doppelseile bewirkt hatte. Er hing an der Kante eines Felsbands rücklings mit Kopf und Oberkörper nach unten in den Abgrund. Ich klinkte mich auf dem Fels- und Schuttband aus meinem Seil aus und verlängerte dieses mit einer vier Meter langen Reepschnur, die ich bei Klettereien in einer Seitentasche meiner Kletterhose stets mitführte. Unter Aufbietung all meiner Kräfte gelang es mir, den leblosen Körper zu mir auf das Fels- und Schuttband heraufzuziehen, zu sichern und zu lagern.

 

Ohne Klettergurt hatte sich der Abgestürzte direkt in die beiden Doppelseile eingebunden. Die Brustknoten waren engstens zusammengezogen und schnürten seine Brust ein. Sie ließen sich nur sehr schwer entwirren und öffnen.  Elmar rief zu mir herunter, dass ich mich beeilen soll, die Seile freizubekommen. Den Seilpartner verlassen die Kräfte. Er könne sich nicht mehr länger festhalten. Mit größter Mühe gelang es mir, die Knoten zu öffnen und die Seile frei zubekommen. Mein Freund kümmerte sich oben um den unter Schock stehenden Seilpartner.

Der Abgestürzte wies schwerste Kopfverletzungen mit Einbruch des hinteren Schädeldachs auf. Seine  Beine waren seitlich verdreht, was mich auf weitere Frakturen schließen ließ. Er wirkte leblos, atmete nicht und zeigte auch keine anderen Reflexe. Sein Puls war nicht zu spüren. Ich war nicht in der Lage, festzustellen, ob er nur bewußtlos oder bereits tot war und bemühte mich um ihn mit fortlaufenden Wiederbelebungsmaßnahmen, wie wir diese in den Lehrgängen gelernt und geübt hatten (Herzdruckmassage und zwischendurch Mund-zu-Nase-Beatmung). Diese zeigten jedoch nicht die erhoffte Wirkung.

 

Etwa 30 Minuten nach dem Absturz kam ein Rettungshubschrauber zu uns an die Wand herangeflogen. Er drehte jedoch aus uns nicht verständlichen Gründen ab, landete 200 m tiefer am Wandfuß und schaltete den Motor ab.  Im Nachhinein stellte sich heraus, dass er keine Seilwinde an Bord hatte. Alle Rettungshubschrauber mit Seilwinde waren an diesem schönen, heißen Sommertag bei anderen Bergunfällen eingesetzt.

 

Aus einem anderen Wandteil  kamen uns über eine Stunde nach dem Absturz Bergführer Eidenschink aus Nürnberg mit drei Kameraden zu Hilfe und lösten uns ab. Sie setzten die Wiederbelebungsmaßnahmen beim Abgestürzten fort und kümmerten sich um seinen Seilpartner. Nach weiterem, erfolglosem Bemühen seilten sie den Verunglückten die Wand zum Hubschrauber ab. Ich kletterte, von der Hitze in der sonnigen Südwand ausgedörrt, körperlich ermattet und niedergeschlagen, zu meinem Freund hinauf. Ein paar Meter weiter oben entdeckte ich den herausgezogenen Haken, an dem noch der Karabiner des Abgestürzten hing. Es war die extremste Situation, der ich in meinem Leben bisher ausgesetzt war.

Von 1965 bis 1975 verunglückten aus unterschiedlichen Gründen weitere sieben Alpenvereinskameraden und Bekannte von mir im Gebirge - fünf von ihnen tödlich. Sie waren alle sehr gute und durchtrainierte Bergsteiger. Zum Verhängnis wurde ihnen Ihre Bereitschaft, höhere Risiken einzugehen, trotz heikler Umstände zu starten, die Tour nicht abzubrechen und noch rechtzeitig umzukehren (Schlechtwettereinfall mit Nebel auf der Höfats, Absturz beim Klettern in den Dolomiten durch Blitzeinschlag, schlechtes Wetter im Montblanc-Gebiet als Vorbereitung für eine Tour zum Mt. Mac Kinley in Kauf nehmend, beim Alleingang auf Seilsicherung im steilen Fels der Roten Flüh zu verzichten, die Lawinengefahr bei einer Skitour auf die Soiernspitze im Karwendel nicht zu erkennen, sowie durch Steinschlag verursachter Unfall und Absturz beim zu späten Zustieg zum Biancograt). 

      

In meiner Entwicklung zum Bergsteiger und Hochalpinisten lernte und begriff ich bei all meinem alpinen Tatendrang, dass nicht der Gipfel oder eine bestimmte Route das oberste Ziel sein sollten - sondern der ganze Hin- und Rückweg mit der heilen Rückkehr von der Tour. Erst wenn ich die ins Auge gefasste Tour vom Weg und vom Ziel der heilen Rückkehr her betrachte, kann ich richtig abschätzen, was ich für diese Tour benötige, ob ich ihr gewachsen bin oder nicht und mit welchen Risiken und Gefahren ein Tourenvorhaben für mich und andere Teilnehmer behaftet ist. Danach kann ich abwägen, ob ich die vorgesehene Tour durchführe oder ob das Fortsetzen einer Tour bei heiklen, widrigen Umständen noch zu verantworten ist oder nicht.

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